Notizen zum Kurzvortrag “Psychologie und Politik” in Rheda-Wiedenbrück

  • Ich möchte zunächst die Brücke schlagen zw. Ökonomik und Psychologie, indem ich etwas aus der Public Choice Theorie erzähle.
  • Die Ökonomik klärt uns dabei über die vorliegenden Anreize auf. Aufgrund der existierenden Anreize ist bestimmten psychologischen Faktoren in der Politik viel Raum gegeben.
    • Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Stimme ein Wahlergebnis beeinflusst, ist extrem gering.
    • Daher: Rational ignorance:  Die Kosten davon, mich gut über politische Themen zu informieren, sind höher als der erwartete Nutzen meiner Beeinflussung des Wahlergebnisses durch eine gut informierte Stimmabgabe. Folglich ist es rational, ignorant zu bleiben.
    • Donald Wittman, “The Myth of Democratic Failure”, 1997: Macht nichts – die ignoranten Stimmen folgen einer symmetrischen Zufallsverteilung und heben sich gegenseitig auf; im statistischem Sinne kein “Bias” (kein systematischer Fehler).
    • 2 Gegenargumente:
      • 1. Expressives Wählen
        • Geoffrey Brennan und Loren Lomasky: “Democracy and Decision”, 1997
        • Instrumenteller Wert vs expressiver Wert; Beispiele:
          • Sein Fußballteam anfeuern:
            • Instrumentell: Helfe dadurch dem Team, zu gewinnen
            • Expressiv: Drücke mein Fantum aus (Loyalität)
          • Gute-Besserungs-Karte:
            • Instrumentell: Versuche, dadurch den Freund zu heilen
            • Expressiv: Drücke Sympathie aus
          • Zu welchem Teil ist das öffentliche Gesundheitswesen expressiv statt instrumentell motiviert? Robin Hanson argumentiert, dass expressive Faktoren eine sehr große Rolle spielen.
        • Wählen (und Aktivismus) als Konsum statt als Investition
        • Spielen beim Wählen expressive oder instrumentelle Faktoren die größere Rolle?
          • Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Stimme das Ergebnis beeinflusst, ist in dieser Frage entscheidend!
          • Denn: Der instrumentelle Wert wird nur dann für mich verwirklicht, wenn die von mir unterstützte Politik tatsächlich implementiert wird; den expressiven Wert genieße ich aber so oder so!
          • Insgesamt: Erwarteter Wert des Wählens = P(Meine Stimme entscheidet)*instrumenteller Wert + expressiver Wert
        • Expressiver und instrumenteller Wert weisen oft in völlig andere Richtungen!
          • Unterstützung eines Kriegs: Ausdruck von Patriotismus + Wohlfahrtverluste, falls es wirklich zum Krieg kommt. Selbst wenn jeder Wähler dahin gehend genau dieselben Präferenzen hat, dass der Nutzen davon, Patriotismus auszudrücken, die Wohlfartverluste im Kriegesfall bei weitem nicht Wert ist, wird dennoch jeder von ihnen für den Krieg wählen, sodass das Ergebnis schlecht für alle ist.
      • 2. Rational irrationality
        • Bryan Caplan: “The Myth of the Rational Voter”, 2007.
        • Instrumentelle vs epistemische Rationalität
        • “Preferences over beliefs”: Menschen glauben manche Dinge lieber als andere – und präferieren nicht notwendig die plausibelsten Glaubensinhalte.
          • Solche Präferenzen spielen eine umso entscheidendere Rolle, je geringer die Konsequenzen des Falschliegens sind.
          • Mögliche Lösung zur Selbstdisziplinierung: Um Geld wetten!
        • Aufgrund der geringen Wahrscheinlichkeit, dass eine individuelle Stimme das Wahlergebnis beeinflusst, ist es nicht nur instrumentell rational, ignorant zu bleiben; es ist auch instrumentell rational, epistemisch irrational zu sein – sofern wir gerne epistemisch irrational sind oder die Überwindung unserer Irrationalität mit Anstrengung verbunden ist.
  • Bryan Caplan untersucht, auf welche Weisen sich die Ansichten von Nicht-Ökonomen systematisch von den Ansichten von Ökonomen unterscheiden. Er identifiziert 4 “Biases”:
  • Was genau ist ein “Bias”?
    • ein systematischer Denkfehler
    • lange Liste auf Wikipedia
    • Mögliche Ursachen von Biases:
      • soziale Einflüsse
      • emotionale und moralpsychologische Motivationen
        • Phil Tetlock: Sacred values and taboo-cognitions
          • Menschen bestehen oft fest darauf, dass einige ihrer Werte nicht verhandelbar seien. Dinge von “sakralem” Wert *dürfen* nicht gegen Dinge von “säkularem” Wert abgewägt werden.
            • Gesundheitspolitik, Umweltpolitik, Bildungspolitik, Sozialsystem…
            • Ökonomie ist böse!
            • Um zu schauen, ob etwas in Tetlockschem Sinne “sakral” ist, folgender Test von Bryan Caplan:
              • Angenommen, wir würden VIEL mehr für X tun (z.B. für das Gesundheitssystem ausgeben). Könnte man dann ohne Bedenken öffentlich sagen “Wir tun zu viel für X”?
          • 3 Arten von Trade-offs:
            • Routine Trade-off: säkular vs säkular
            • Taboo Trade-off: sakral vs säkular
            • Tragic Trade-off: sakral vs sakral
          • Routine Trade-offs sind unproblematisch
          • Taboo Trade-offs
            • Der sakrale Wert ist zu wählen.
            • Die Entscheidung hat mühelos und schnell zu erfolgen.
            • Ein Krankenhausverwalter, der entscheiden muss, ob er das Leben eines Kindes rettet oder dem Krankenhaus 1 Mio $ spart, wird negativ bewertet, wenn er erst lange nachdenkt, bevor er das Kind wählt. (Am negativsten aber, wenn er sich schnell für die 1 Mio $ entscheidet.)
          • Tragic Trade-offs
            • Hier ist es umgekehrt: Langes, mühevolles wägen wird höher bewertet!
            • Etwa: Krankenhausverwalter, der wägt, welches von zwei Kindern gerettet werden soll.
          • Framing ändern, sodass taboo Trade-offs als routine Trade-offs oder tragische Trade-offs betrachtet werden:
            • Organhandel zunächst taboo, da körperliche Unversehrtheit gegen Geld abgewägt wird.
              • Konversion in tragic Trade-off: Klar machen, dass bei Ausbleiben von Organhandel viele Menschen sterben.
              • Konversion in routine Trade-off: Stipulieren, dass die Politik vorsieht, dass Arme Menschen beim Erwerb von Organen finanziell unterstützt werden, und dass sie sich niemals aus Armut genötigt sehen, Organe zu verkaufen.
      • Heuristiken: Abkürzungen im Denken/in der Informationsverarbeitung
        • Daniel Kahneman: “Thinking, Fast and Slow”, 2011, große Empfehlung
        • Ökonomienobelpreis 2002: Einschränkung der Rationalitätsannahme; aber auch: kognitive Ökonomie
        • Heuristik: Einfache Prozedur, mit der wir adäquate (aber nicht ganz verlässliche) Antworten auf schwierige Fragen finden.
        • Es kommt im alltäglichen mentalen Leben sehr selten vor, dass uns zu Dingen keine Einschätzung einfällt (wie sehr wir jemanden/etwas mögen, Menschen vertrauen, Vorhersagen für (un)realistisch halten…).
        • Phil Tetlock: “Expert Political Judgment”, 2005: Vorhersagen, selbst von Experten, erweisen sich als sehr unzuverlässig.
          • Kalibrierung messen: viele Wahrscheinlichkeitsangaben zu Zukunftsszenarien mit den tatsächlichen Szenarien vergleichen: Wie verhält sich die Erfolgsrate zu den Wahrscheinlichkeitsangaben? i.d.R. viel zu hohe Zuversicht.
          • Menschliche Vorhersagen sind oft schlechter, selten deutlich besser als zufallsgenerierte Vorhersagen (kommt aber auf den Bereich an; Caplan Kritik).
          • Einfache statistische Modelle liefern i.d.R. bessere Vorhersagen als Experten.
        • Wie fallen uns zu komplexen Fragen so schnell/automatisch intuitive Antworten ein?
        • Wir *substituieren* schwere Fragen durch einfachere, verwandte Fragen!
          • Zielfrage vs heuristische Frage:
            • Bsp 1:
              • Zielfrage: Wieviel würdest Du für eine bedrohte Spezies spenden?
              • heuristische Frage: Was fühle ich, wenn ich mir ein sterbendes Tier dieser Spezies vorstelle?
              • scope neglect: 2000, 20 000, bzw. 200 000 Zugvögel davor retten, in Ölteichen zu ertrinken: jeweils ca 80$ Wert (William Desvougues et al, 1992)
            • Bsp 2:
              • Zielfrage: Wie Zufrieden bin ich mit meinem Leben?
              • heuristische Frage: Wie ist meine Stimmung gerade?
              • Norbert Schwarz: “Stimmung als Information”, 1987: Menschen berichten eine deutlich höhere Lebenszufriedenheit, wenn sie gerade ein Geldstück gefunden haben.
            • Bsp 3:
              • Zielfrage: Helfen Mindestlöhne wenig qualifizierten Arbeitern?
              • heuristische Frage: Fände ich es gut, wenn wenig qualifizierte Arbeiter besser bezahlt würden?
            • Bsp 4:
              • Zielfrage: Sind weitere Ausgaben fürs Gesundheitssystem eine gute Investition?
              • heuristische Frage: Was fühle ich, wenn ich an kranke Menschen ohne Zugang zu ärztlicher Hilfe denke?
  • Philip Fernbach et al: “Political Extremism Is Supported by an Illusion of Understanding”, 2013
    •  Vermutungen:
      • Menschen, die mit großer Gewissheit Haltungen zu politischen Fragen einnehmen, wissen weniger gut über diese Fragen bescheid, als sie glauben.
      • Dies begünstigt polarisierte Haltungen.
    • Experimente:
      • Sie nach detaillieren Beschreibungen der vorgeschlagenen Politik zu fragen,
        • senkt ihre epistemische Selbstüberschätzung
        • senkt die Stärke ihrer Unterstützung für diese Art von Politik (sie spenden weniger!)
      •  Unterscheidung:
        • Die Frage “Aus welchen Gründen unterstützt Du diese Art von Politik” hat keinerlei solche Auswirkungen.
        • Die Frage nach einer mechanistischen Erklärung der Politik dagegen schon! Also etwa: “WIE führt diese Art von Politik zu diesen Ergebnissen?”
    • Auch hier findet also Fragensubstitution statt, und auch hier verhält sich alles so, als ob der expressive Wert gegenüber dem instrumentellen Wert Vorrang hat.
  •  Zusammenfassung
    • Public Choice:
      • Instrumenteller vs expressiver Wert
      • Rationale Irrationalität
    • Biases, 3 Gründe
      • Soziale Einflüsse
      • Emotionale und moralpsychologische Motivationen
        • Routine, taboo & tragic trade-offs
        • Taboo trade-offs als tragic trade-offs oder routine trade-offs framen
      •  Heuristiken
        •  Fragensubstitution
    • Wir können Menschen zu genauerem Nachdenken bewegen, wenn wir sie nach mechanistischen Erklärungen fragen: Das macht Fragensubstitution schwieriger und verschiebt den Fokus auf instrumentelle statt expressive Kriterien.

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