Notizen zum Kurzvortrag “Effektiver Altruismus” in Rheda-Wiedenbrück

  • EA ist eine neue, wirklich echte “Bewegung” mit Wikipedia Artikel und allem. Worum handelt es sich genau, und wie können wir es mit Liberalismus in Verbindung bringen?
  • Es sind 2 Begriffe zu klären: “Effektiv” und “Altruismus”.
    • Bei den meisten Menschen ist “Effektiv” wahrscheinlich eher der unklarere Begriff, aber ich habe z.Z. den Eindruck, dass das bei Liberalen weniger der Fall ist.
    • Ich ziehe jetzt die Klärung von “Altruismus” vor.
      • Es ist ein missverständlicher Begriff, der auf sehr unterschiedliche Weisen verstanden wird.
      • Bei Liberalen wird er häufig zunächst negativ gesehen. Zum Beispiel deshalb, weil Liberale nicht ohne Grund Altruismus-Befürwortern gegenüber den Verdacht haben, dass sie ihnen mit der Staatsgewalt kommen wollen 🙂
      • Ayn Rand ist eine interessante Referenz bzgl. der Missverständlichkeit des Begriffs.
        • Egoismus ist bei ihr eine große Tugend, Altruism ein furchtbar unmoralisches Elend.
        • Sie hat diese Begriffe aber eben auf eine ziemlich spezifische Weise benutzt, die mit dem Sprachgebrauch vieler, wenn nicht der meisten Menschen auseinanderfällt.
        • Zu ihrem Egoismusbegriff gehört ganz klar, dass man sich auch dann egoistisch verhält, wenn man seine eigenen moralischen Werte verfolgt (d.h. sein Verständnis objektiver Werte).
        • Und zu ihrem Altruismusbegriff gehört per Definitionem immer Selbstaufopferung.
        • Um das also schon mal deutlich zu machen: Selbstaufopferung halte ich grundsätzlich per se für schlecht (ebenso wie jede Art der “Opferung”).
      • Eine alternative Definition von Altruismus könnte, salopp gesagt, etwa sein: die Bestrebung, gutes für andere Menschen zu tun, aus welchem Grund auch immer.
        • Die Motivation kann z.B. eben in der Verfolgung der eigenen moralischen Werte liegen, was bei Ayn Rand ja egoistisch und gut wäre.
        • Sie kann auch darin liegen, dass es zur Lebenszufriedenheit beiträgt, positiv zum Treiben der Menschheit beizutragen.
        • Je nach Definition kann man also durchaus von “egoistisch motiviertem Altruismus” sprechen.
        • Es gibt einige prominente EAs, z.B. Peter Singer, die argumentieren, dass wir stark moralisch verpflichtet sind, altruistisch zu handeln.
          • Man braucht aber an keine solche Verpflichtung zu glauben, um interesse an der EA-Gemeinschaft und ihren Ressourcen zu haben.
      • Psychologisch spannend: Tainted Altruism: When Doing Some Good Is Evaluated as Worse Than Doing No Good at All
        • Experimentell festgestellt: Menschen, die anderen gutes tun und dabei selber profitieren, werden *negativer* bewertet als Menschen, die einfach nur selber profitieren.
        • Das scheint sehr irrational. Für einen Utilitaristen sollte z.B. völlig klar sein: Am besten ist die Option, in der sowohl andere als auch ich profitieren. Mein Wohlbefinden zählt auch!
        • Interpretation der Autoren: Anderer Bewertungsmaßstab.
      • Robin Hanson: Neglecting Win-Win Help
        • Erinnert Euch an die Unterscheidung aus meinem “Psychologie und Politik” Vortrag zwischen instrumentellem und expressivem Wert.
        • Angenommen, ich als stark altruistisch motivierter Mensch versuche mich zu entscheiden, ob ich ein erfolgreicher Unternehmer  sein soll oder ein Mönch.
        • Unter den richtigen Umständen ist es sehr plausibel, dass ich als erfolgreicher Unternehmer viel mehr gutes für andere Menschen tun kann als als Mönch. Ich selber werde dabei auch noch reich, und Menschen werden mich  häufig als geizig einschätzen – aber für die “instrumentelle” Altruismus-Motivation ist das völlig irrelevant.
        • Insofern als aber die Motivation überwiegt, meinen Altruismus auf glaubwürdige Weise auszudrücken, ist mein Gewinn an der Sache durchaus relevant! Woher sollen andere wissen, dass ich eben nicht einfach nur aus Geiz ein erfolgreicher Unternehmer bin? Wenn ich dagegen auf eine solche Weise gutes tue, die von mir Opfer fordert, kann man mir schwerer andere Motivationen als Altruismus unterstellen. Die expressive Motivation deutet also eher auf den Werdegang als Mönch hin, auch wenn ich als Mönch viel weniger gutes für andere tun kann!
    • Nun zur “Effektivität”
      • Hier ist der Gedanke einfach, dass einige Arten, gutes zu tun, effektiver sind als andere (bessere Mittel zum Zweck).
      • Häufig genutztes Bsp: Einen Blindenhund finanzieren (Toby Ord, The Moral Imperative Towards Cost-Effectiveness)
        • Dem Blinden ist sehr geholfen!
        • Den Hund zu domptieren und dem Blinden den Umgang mit dem Hund beizubringen, kostet was. Etwas mehr als 30 000 Euro.
        • Wusstet ihr: Die meisten Fälle von Blindheit sind heilbar. Viele Menschen in Entwicklungsländern sind aufgrund heilbarer Krankheiten blind.
        • Für ca. 16 Euro kann man einen Blinden Menschen sehend machen.
        • Mit den 30 000 Euro für einen Blindenhund kann man also alternativ auch 1000 bis 2000 Menschen von ihrer Blindheit heilen.
        • Letzteres scheint die effektivere Wahl zu sein!
  • Für Liberale mag der Gedanke “Wenn denn Altruismus, dann mit möglichst effizienten Mitteln” offensichtlich sein. In der weiteren Bevölkerung ist er das aber ganz und gar nicht.
  • Warum ist eine EA-Gemeinschaft außerdem wichtig? Weil auf effektive Weise altruistisch zu sein sehr schwierig ist! Es gibt viel schwierige Forschungsarbeit zu tun.
  • Zitat aus dem Post Why We Should Expect Good Giving to Be Hard aus dem GiveWell Blog:
    • I believe that most of the things you can do that make strangers’ lives better are things you can get paid for. Every day people help each other send packages, prepare food, recover from illness, etc. via market transactions. This may seem like a trivial and obvious point, but it’s the reason we are so focused on helping the very poor. When you’re trying to help people who aren’t poor, you’re competing with for-profit enterprises.
      And even the very poor get a lot of help from for-profit services. For example, when people started realizing that cellphones could be useful to the very poor, the result was expansion of for-profit cellphone service into the developing world. There were some nonprofit attempts to contribute to this dynamic, but we’re skeptical that they added much value on top of the profit-driven ones.
  • Warum ist wohltätiges Spenden überhaupt nötig, wenn wir als Liberale doch Märkte für so fantabulös halten? Meine Einschätzung:
    • Einerseits: Die meisten Menschen unterschätzen den altruistischen Wert von schnöder Markttätigkeit, und überschätzen im Verhältnis dazu den Wert wohltätiger Spenden.
    • Andererseits: Es gibt dennoch viele schlimme Probleme, denen wir mit wohltätigen Spenden besser begegnen können als mit Markttätigkeit. Zum Teil deshalb, weil freie Märkte nicht immer alle wichtigen Bedürfnisse “automatisch” erfüllen. Und zum Teil deshalb, weil die Märkte auf dieser Welt immer noch sehr unfrei sind. Als Einzelperson ist es schwerer, diesen Tatbestand zu ändern, als mit wohltätigen Spenden seine oftmals furchtbaren Konsequenzen zu lindern. Es sollte nicht so sein und es ist nicht unsere Schuld, und dennoch ist es die Ausgangsposition, von der aus wir unser Bestes tun können.
      • Mein Erzfeind unter den Freiheitseinschränkungen und mein Hauptverdächtiger unter den Gründen für die Notwendigkeit von Spenden: Migrationsbeschränkungen.
      • Ein Busfahrer aus Jemen würde in den USA mit derselben Arbeit etwa 15mal so viel Geld verdienen (und in der Tat mit derselben Arbeit dort viel produktiver sein). Es ist also klar, dass in solchen Fällen wohltätiges Spenden nicht ansatzweise an schnöde Markttransaktionen zwischen Menschen in reichen Ländern und Menschen in armen Ländern heranreichen würde, wenn diese Markttransaktionen denn nicht verboten wären. Das kann uns wütend und trotzig machen, aber Abhilfe verschaffen bringt mehr.
  • Es zeichnet sich ein Bogen ab zum Liberalismus…
    • EA ist an sich keine liberale Bewegung. Es tümmeln sich zwar viele Liberale in EA-Kreisen, aber auch viele “nerdigere” Sozialisten/Umverteilungsfans.
    • Was ich gleich mit Euch üben möchte, ist, Effektivitätserwägungen zu benutzen, um Linke (z.B. mit sokratischer Methode) in eine liberalere Richtung zu bewegen.
    • Wie geht das?
      • Linke identifizieren sich häufig über eine hohe Bewertung von Altruismus. An die können wir appellieren.
      • Wir können dann etwa sagen: “Dann ist Dir doch bestimmt wichtig, möglichst effektive Mittel zu Deinen altruistischen Zwecken zu wählen, nicht wahr?” Das ist eine Cialdini Technik 🙂
      • Eine Sache, die unser Gespräch mit diesem Linken schonmal bewirken könnte, ist, dass er/sie die Ökonomik etwas weniger kritisch sieht. À la “vllt ist sie ja doch zu was gut”.
        • Das allein könnte schon wichtige Auswirkungen haben.
        • Ökonomielehrbücher zeigen ja z.B. in den ersten Kapiteln über Wohlfartsökonomie auf, dass liberale Politik oft das beste Mittel ist, um Wohlfahrtsgewinne zu maximieren. Das liefert ein utilitaristisches (und altruistisches) Liberalismusargument.
      • Erinnert Euch außerdem an den Artikel “Political Extremism Is Supported by an Illusion of Understanding“, den ich im Psychologievortrag erwähnt habe.
        • Wir können den Linken erklären lassen, wie die von ihm vorgeschlagenen Gesetze zu seinen altruistische Zielen führen.
      • Noch ein wichtiger Punkt: WEM wollen wir am ehesten helfen?
        • Linke sind meist keine Fans von Nationalismus.
        • Gleichzeitig sind sie meistens Befürworter nationaler Sozialsysteme.
        • Ein alleine lebender, kinderloser Mensch in Berlin, der Hartz IV  bezieht, ist damit ca im 85. Perzentil der globalen Einkommensverteilung.
        • Was ist mit den Menschen nahe dem 0. Perzentil? Wollen wir denen nicht etwas dringender helfen?
        • Ist es denn wirklich höher zu priorisieren, Museen für reiche Weiße zu finanzieren als Afrikaner vorm Hungertod zu retten?
        • Es schiene doch, dass nationalismuskritische Befürworter der effektiven Umverteilung große Feinde des nationalen Sozialsystems sein sollten.
      • Was freie Zuwanderung betrifft: Es gibt ein politisches Mittel, mit  dem man die Wohlfahrtsgewinne der freien Zuwanderung fast gänzlich zunichte machen kann. Welches? Mindestlöhne!
        • “Mindestlöhne sind ein Instrument der Nationalisten, um Menschen aus verarmten Ländern aus dem deutschen Arbeitsmarkt auszuschließen!” Vielleicht sollten Mindestlöhne bei den weniger leichtgläubigen Sozis als ganz perfider Teil des Feindbilds gelten.

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