Notizen zum Kurzvortrag “Freie Zuwanderung” in Rheda-Wiedenbrück

  • Urliberale Position als Referenzposition: Eigentumsrechte implizieren zünachst völlig freie Zuwanderung.
    • Vertragsfreiheit zwischen Wohnungseigentümern und Mietern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern
    • Migrationsbeschränkungen implizieren Eigentumsverletzungen.
    • Killing or Letting Die? Mike Huemer: Starvin Marvin
      • Marvin nichts zu essen geben, ist ihn sterben lassen.
      • Marvin daran hindern, sich selber mit friedlichen Mitteln Essen zu beschaffen, ist eher töten als sterben lassen.
    • Migrationsbeschränkungen sind analoger zum zweiten Fall als zum ersten.
    • Offene Grenzen sind also keine Wohltätigkeit, sondern Unterlassung von Aggression.
    • Bryan Caplan: fordert nicht, dass wir Ausländer wie Freunde behandeln, sondern lediglich, dass wir sie wie Fremde behandeln.
  • Wohlfahrtsverluste durch Migrationsbeschränkungen
    • Place premium
      • Ein Busfahrer aus Jemen erwirtschaftet in den USA 15mal mehr mit genau derselben Tätigkeit.
        • Reflektiert sein höheres Gehalt höhere Produktivität? Die Antwort ist Ja!
    • Double World GDP“, Michael Clemens: “Economics and Emmigration: Trillion Dollar Bills on the Sidewalk?
      • Durch Produktivitätserhöhung der Migranten
      • Eine Verdopplung des Bruttoweltprodukts würde ungefähr entsprechen:
        • einer Erhöhung des per capita BWP auf das aktuelle griechische per capita BIP
        • einem “Sprung vorwärts” um einige Jahrzehnte, innerhalb derer sich mit aktuellen Wachstumsraten das BWP ohnehin verdoppeln würde
      • Carl Shulmans kritische Auseinandersetzung mit der Schätzung:
        • Für eine BWP-Verdopplung müsste die große Mehrheit der 3. Welt migrieren.
        • Im Zeitrahmen einiger Jahrzehnte sind so hohe Migrationsraten unplausibel, + andere Faktoren. BWP-Verdopplung also eine Überschätzung (trotzdem wären die Wohlfartsgewinne sehr hoch).
        • Längerfristig geht das Potenzial offener Grenzen über eine BWP-Verdopplung hinaus.
          • z.B. aufgrund der hohen Fertilität in Entwicklungsländern, besonders in Afrika
        • Andererseits kann es sein, dass die Ortsprämie sinken würde (also die Produktivität in reichen Ländern *absolut betrachtet*).
          • Dies hängt von den Gründen für die Existenz der Ortsprämie ab.
            • Insbes. von deren Rivalität. Z.B. sind institutionelle Faktoren vermutlich nicht rival, sodass hier die Prämie nicht sinken sollte.
            • Prämien aufgrund von Skaleneffekten oder Netzwerkeffekten würden bei hoher Zuwanderung sogar steigen.
              • Siehe die höhere Produktivität von (Firmen in) großen Städten!
  • Ist die urliberale Referenzposition naiv? Welche Komplikationen gibt es?
    • In puncto Vertragsfreiheit zwischen Wohnungseigentümern und Mietern bzw. Arbeitgebern und Arbeitnehmern haben wir es mit privaten Gütern zu tun (also mit rivalen und ausschließbaren Gütern).  Wie in vielen anderen Fällen greifen liberale Eigentumsrechtargumente weniger stark, wenn wir es mit nicht-rivalen und/oder nicht-ausschließbaren Gütern zu tun bekommen, d.h. mit Klubgütern, Allmendegütern und/oder öffentlichen Gütern. Inwiefern ist dies im Zusammenhang mit Zuwanderung der Fall? Und sind Zuwanderungsbeschränkungen die beste Lösung?
    • Kalle Kappner zur Klubtheorie der Einwanderung
      • Angeblich sei der Nationalstaat ein Klub, der sowohl Klubgüter als auch öffentliche Güter bereitstellt.
        • Daher haben “Klubmitglieder” das Recht, den Zuzug einzuschränken.
      • Kalle argumentiert, dass viele der angeblichen Klubgüter und öffentlichen Güter in Wirklichkeit keine sind.
      • Bei vielen tatsächlichen Klubgütern ergibt sich einfach kein Grund zum Ausschluss, im Gegenteil.
      • Viele der Eigentumsansprüche sind nicht vertretbar.
      • *Wessen* Wille ist der “Wille des Klubs”?
      • Reductio ad absurdum: Wieso dann keine Geburtenkontrolle? z.B. für Sozialhilfeempfänger
    • Keyhole solutions: Falls sich durch Zuwanderung bestimmte Probleme ergeben, sollten wir für jedes spezifische Problem nach einer gezielten Lösung mit möglichst geringen Nebenwirkungen suchen. Bei einem gebrochenen Fingernagel amputiert man nicht gleich den ganzen Arm. Geschlossene Grenzen sind für viele häufig genannte Probleme eine völlig überflüssig verheerende und inhumane Lösung.
    • Häufiger liberaler Einwand: Einwanderung in den Sozialstaat
      • Zunächst zur Klärung: Die urliberale Referenzposition lehnt Sozialhilfe für Zuwanderer (ebenenso wie für Einheimische) und möglicherweise auch das Wahlrecht ab.
        • ^Dies kann man auch als “Keyhole solution” auffassen.
      • Ok, aber was, wenn es nur dieses Bündel zur Auswahl gibt?
      • Zwei mögliche Effekte:
        • Zuwanderung erhöht die Sozialausgaben, da Menschen zwecks Sozialgeldbezug zuziehen (median-voter/self-interested voter model: Der Medianwähler hat immer größeres Interesse an Sozialleistungen).
        • Zuwanderung verringert die Sozialausgaben, da aufgrund geringerer Em-/Sympathie der Sozialstaat schrinkt (group-interested (sociotropic) voter model).
          • Dafür wurden in einigen akademischen Papers (seit mind. 2001) empirische Befunde vorgestellt, v.a. aus Europa.
          • Viele Autoren argumentieren, dass dies ein wichtiger Grund dafür sei, dass (v.a. als % des Bruttoinlandsprodukts) (Nord)Europäische Länder deutlich größere Sozialstaaten haben als die USA: Die Diversität in den USA ist etwa 3x höher.
          • Unter Sozialstaat-Befürwortern ist dies ein häufig angeführtes Argument gegen freie Zuwanderung. Für Sozialstaatgegner ist es ein Argument dafür.
        • Zac Gochenour & Alex Nowrasteh, 2014: “The Political Externalities of Immigration: Evidence from the United States
          • Empirisch: Die Zuwanderungsbedingte ethnische Diversität hat in den USA *keine* signifikanten Auswirkungen auf die Sozialausgaben; weder im Sinne der Gesamtausgaben noch per capita!
            • Dieses Ergebnis widerspricht älterer empirischer Forschung, die die Vorhersage des group-interested Modells bestätigt (sprich: dass Zuwanderung zu geringeren Sozialausgaben führt).
            • Z. B. Vergleich zw. Kalifornien und Texas: ähnlich hoher Anteil an Lateinamerikanern, aber völlig unterschiedliche Sozialausgabeniveaux. Und die Variation der Diversität scheint als prädiktiver Faktor nichts herzugeben.
            • Möglicherweise verhält sich dies in den USA anders als in Europa, wo der Gruppeninteressen-Effekt (laut anderen Studien) zu dominieren scheint.
            • Je besser integriert Zuwanderer sind, desto höher die Beliebtheit von Sozialausgaben (in den USA).
            • Die Diversität in den “unteren Schichten” macht politische Organisation schwieriger. Vielleicht ist dies auch ein Grund, aus dem die Sozialausgaben nicht zunehmen.
        • Der Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Sozialausgaben ist also ziemlich unklar.
  • Mein Fazit zu solchen Komplikationen: Ich gehe von einem sehr starken moralischen Vorbehalt gegen Migrationsbeschränkungen aus. Sie bedürfen einer sehr starken Rechtfertigung. Solange es nicht wesentlich sicherer ist als bisher, dass Befürchtungen über negative Auswirkungen freier Zuwanderung berechtigt sind, ist keine annähernd ausreichende Rechtfertigung gegeben. Zuallermindest sollten die Grenzen zunächst weiter geöffnet werden, und wenn sich dann entsetzliche Konsequenzen oder starke Gründe zur Sorge ergeben, werden dadurch vielleicht autoritäre Maßnahmen vertretbar.

 

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